Sehr geehrte Frau Stadtverordnetenvorsteherin,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Abgeordnete aller Parteien,
liebe Mitmenschen,
vor 36 Jahren fiel die Mauer.
Ein Symbol der Teilung, der Unfreiheit und der Unterdrückung.
Wenn wir heute an die deutsche Einheit denken, denken wir an die Bilder vom November 1989: Menschen auf der Mauer, Freude, Tränen – und die unglaubliche Erfahrung: Diese Grenze ist offen.
Ich möchte heute an etwas anderes erinnern:
An die Kirchen in der DDR.
Lange bevor die Mauer fiel, waren Kirchenräume Orte, an denen Menschen zusammenkommen konnten, die sich nach Frieden, Freiheit und Veränderung sehnten.
Sie konnten sich treffen, miteinander reden, diskutieren und beten.
Friedensgebete wurden zu Orten, an denen Menschen ihre Stimme wiederfanden. Und aus manchen dieser Friedensgebete führte der Weg auf die Straße.
Die Kirchen haben damals Räume geöffnet.
Die Friedliche Revolution war natürlich nicht die Leistung der Kirchen allein. Sie wurde von vielen Menschen getragen: von Bürgerrechtsgruppen, von Ausreisewilligen, von mutigen Frauen und Männern, von Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen.
Aber die Kirchen hatten eine besondere Aufgabe:
Sie hielten Räume offen.
Heute, nach 36 Jahren, sehe ich diese Haltung wieder anschlussfähig.
Kirchen können Räume sein, in denen Menschen wieder zusammenfinden.
Besonders eindrücklich war das für mich im vergangenen Jahr in Rom: Bei der Trauerfeier für Papst Franziskus trafen sich Präsident Selenskyj und Präsident Trump zu einem Gespräch.
Wenige Wochen zuvor hatte es zwischen beiden im Oval Office einen heftigen öffentlichen Streit gegeben.
Für mich war das ein eindrückliches Bild:
Manchmal braucht es einen Raum, damit Menschen wieder miteinander reden können.
Heute erleben wir wieder wie Mauern entstehen. Keine aus Beton.
Es sind andere Mauern.
Mauern des Misstrauens.
Zwischen Menschen. Zwischen politischen Lagern. Zwischen denen, die sich gehört fühlen, und denen, die den Eindruck haben, nicht mehr vorzukommen.
Als ich im Juni mein Amt als Dekan im Vorderen Odenwald angetreten habe, habe ich einen Satz gesagt, der mich seither begleitet:
„Wir setzen auf die Kraft des Vertrauens.“
Ich glaube: Vertrauen ist auch eine ganz wichtige Grundlage unserer Demokratie.
Unser Grundgesetz beginnt mit dem Satz:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Das ist ein Versprechen: Jeder Mensch zählt.
Aber dieses Vertrauen ist nicht selbstverständlich.
Viele Menschen fühlen sich von Politik und Institutionen nicht mehr gesehen.
Manche haben den Eindruck, ihre Sorgen würden nicht ernst genommen.
Und gerade in einer Zeit des Umbruchs ist es leicht, Ängste zu schüren:
durch Desinformation, durch Lügen, durch Worte, die Menschen gegeneinander aufbringen – und manchmal auch durch verbale oder körperliche Gewalt.
Ich glaube, wir müssen dem etwas entgegensetzen.
Wir müssen miteinander wieder sprachlich abrüsten.
Nicht jede Auseinandersetzung muss zum Kampf werden.
Nicht jeder politische Gegner muss zum Feind werden.
Wir sollten wieder lernen, miteinander zu streiten, ohne einander die Würde abzusprechen.
Und wir sollten wieder miteinander ins Gespräch kommen.
Nicht:
Wir gegen die.
Sondern:
Wir miteinander – bei aller Unterschiedlichkeit.
Das bedeutet nicht, Unterschiede kleinzureden.
Eine Demokratie lebt vom Streit um den richtigen Weg.
Aber sie braucht einen Streit, bei dem der andere Mensch nicht verloren geht.
Und hier sehe ich genau den Punkt, an dem wir als Kirche heute wieder gefragt sind.
1989 haben Kirchen Räume geöffnet, in denen Menschen miteinander sprechen konnten.
Ich glaube, solche Räume brauchen wir auch heute.
Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Überzeugung zusammenkommen können.
Räume, in denen Sorgen ausgesprochen werden dürfen, ohne dass daraus Feindbilder entstehen.
Als Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und als Evangelisches Dekanat Vorderer Odenwald sind wir bereit, unseren Teil dazu beizutragen.
Und wir sind bereit, mit allen politischen Akteuren, denen ebenfalls am Dialog gelegen ist, darüber nachzudenken, wie das gelingen kann.
Denn Demokratie lebt davon, dass wir einander nicht aufgeben.
Und genau das können wir heute von 1989 lernen.
Damals haben Menschen erlebt:
Eine Mauer kann fallen.
Eine scheinbar festgefügte Ordnung kann sich verändern.
Und Menschen können gemeinsam etwas in Bewegung bringen, was lange unmöglich erschien.
Die deutsche Einheit entstand aber nicht dadurch, dass plötzlich alle dasselbe dachten.
Gemeinsamkeit bedeutet nicht Gleichheit.
Wir leben in einer Demokratie, weil wir verschieden denken dürfen und trotzdem miteinander verbunden bleiben.
Das ist manchmal anstrengend.
Demokratie ist kein Wellnessprogramm.
Aber genau darin liegt ihre Stärke.
Meine Damen und Herren,
die deutsche Einheit war kein Geschenk.
Sie war das Ergebnis von Mut, von Gebeten, von friedlichem Protest und von Menschen, die den Mut hatten, aufeinander zuzugehen.
Und die Bewahrung unserer Demokratie ist ebenfalls kein Automatismus.
Sie ist uns anvertraut.
Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, Mauern des Misstrauens nicht höher werden zu lassen.
Brücken zu bauen, wo Brücken möglich sind.
Und dort, wo unsere demokratischen Grundwerte angegriffen werden, klar und friedlich für sie einzustehen.
Ich bin optimistisch und hoffnungsvoll.
Nicht weil alles gut ist.
Sondern weil ich glaube, dass Menschen über sich hinauswachsen können, wenn sie einander etwas zutrauen.
Weil ich glaube, dass Vertrauen stärker werden kann als Misstrauen.
Und weil ich glaube, dass Gespräch mächtiger sein kann als Spaltung.
Als Christ glaube ich außerdem:
Unsere Zukunft liegt nicht allein in unserer Hand.
Gott segne unser Land,
seine Freiheit und seine Demokratie.
Und schenke uns Menschen,
die Verantwortung übernehmen,
die sich einmischen
und die Hoffnung nicht aufgeben.
Amen.