Präsent und nahbar

veröffentlicht 28.04.2026 von Silke Rummel, Dekanat Vorderer Odenwald

Zum Monatsende geht Joachim Meyer, Pfarrer und Dekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald, nach 41 Dienstjahren in den Ruhestand. Am Samstag, 2. Mai, 18 Uhr, wird er im Gottesdienst in der Michaelskirche in Reichelsheim verabschiedet.

Für die Mitarbeitenden des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald sind es Tage voller Abschiedsschmerz: Unvorstellbar, dass Dekan Joachim Meyer ab Mai nicht mehr schon am frühen Morgen in seinem Büro im Darmstädter Schloss ist, die Türe immer offen, es sei denn, es ist gerade jemand zu Besuch.

Eine Ära geht zu Ende: Joachim Meyer war der erste und bisher einzige Dekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald, das 2010 aus der Fusion der Dekanate Reinheim und Groß-Umstadt entstanden ist. Dekan ist er schon seit 1998, seinerzeit im Dekanat Reinheim, und damit der dienstälteste Dekan in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Ende des Monats geht Joachim Meyer nach 41 Dienstjahren in den Ruhestand. Kirchenleitende haben ihn als guten Moderator beschrieben, als Mann des Wortes, strategisch denkend und arbeitend, wertschätzend, mit einem zuverlässigen und präsenten Führungsstil.

Die stets offene Tür zu seinem Büro symbolisiert, wie er das Dekanat leitete: präsent und nahbar – bis zum Schluss. Der passionierte Läufer sagt es so: „Jetzt bin ich auf der Zielgeraden. Das Ziel ist in Sicht. Aber ein Lauf ist erst dann vorbei, wenn man die Ziellinie überschritten hat. Und dann ist er auch vorbei und ich mache erstmal Pause.“ Den Staffelstab hat er auf der Dekanatssynode im Februar übergeben, bei der Michael Gütgemann, derzeit noch Pfarrer im Vogelsberg, zum Nachfolger gewählt wurde. Er beginnt am 1. Juni.

Kleine Zahlenmagie
Mehr als 20.000 Kilometer war Joachim Meyer im Jahresdurchschnitt beruflich im Dekanat Vorderer Odenwald unterwegs. Allein die tägliche Fahrt von seinem Heimatort Reichelsheim ins Dekanatszentrum in Groß-Umstadt führte ihn durch sieben Kirchengemeinden des Dekanats mit sieben Dorfkirchen in Sichtweite. Auf 84 Dekanatssynoden hat er in den zurückliegenden Jahren als Dekan Rede und Antwort gestanden und 274 Dekanatskonferenzen vorbereitet und geleitet – neben all den anderen Aufgaben.

Fort- und Weiterbildungen waren ihm immer ein Anliegen, davon profitierten auch die Mitarbeitenden. 25 Selbstorganisierte Fortbildungen quer durch die Republik und zu ganz unterschiedlichen Themen hat er mit ihnen durchgeführt. Den Horizont erweitern, Neues erfahren, das war ihm immer wichtig, am besten gemeinsam mit anderen. „Das Allerallermeiste hat mir sehr viel Spaß gemacht und das Besondere und Tolle war: Ich war nie alleine unterwegs, sondern immer mit solidarischen, unterstützenden Weggefährtinnen und Weggefährten – und das war die Hauptsache für mich.“

Joachim Meyer ist ein Teamplayer. Ein Beziehungsmensch. Einer, der sich weniger als Vorgesetzter denn als Unterstützer für Gemeinden, Pfarrpersonen, Dekanatsmitarbeitende, Ehrenamtliche und Menschen, die glauben, versteht. Auch im Zusammenhang mit dem Strukturreformprozess ekhn2030. „Ich empfinde Glauben als eine Form von Lebenskraft, die Menschen trösten und inspirieren kann.“ Das Wort Dekan hat Joachim Meyer immer wieder mit „Der Einzelne kann alleine nichts“, abgeleitet aus den Anfangsbuchstaben, beschrieben. Er leitete, indem er – bildhaft gesprochen – hinter den Kolleginnen und Kollegen ging. Empowerment ist dabei ein Schlüsselwort: andere befähigen, sich selbst etwas zuzutrauen und neue Wege zu beschreiten.

Neue Bilder von Kirche 
„Mir hat es viel Spaß gemacht, neue Bilder von Kirche zu entwickeln mit Menschen, die das auch wollten“, sagt der 66-Jährige. Zum Beispiel Abendmahl feiern vor dem Computer – entstanden in der Corona-Zeit – und vorher undenkbar. Oder der „Segen to go“ bei dem vor allem Nicht-Pfarrpersonen segnen, aber Joachim Meyer auch gerne dabei war, ohne Talar. „Die Zukunft ist mir wichtiger als die Vergangenheit. Der liebe Gott hat dem Menschen die Augen vorne an den Kopf gesetzt, nicht hinten.“

Herzensanliegen waren ihm die verschiedenen Jahresthemen, bei denen immer wieder Impulsgeber den Blick erweiterten, und der Engagement-Preis „Farbe bekennen“, mit dem Menschen und Gruppen aus der Region ausgezeichnet wurden, die sich für die Gesellschaft einsetzen. Kirche ist für Joachim unbedingt politisch, sei es beim Wirken in die Gesellschaft hinein, etwa beim Klimawandel, dem Eintreten für Benachteiligte, in der Flüchtlingshilfe und im interreligiösen Dialog. Der Leitsatz des Dekanats „In Gottes Namen bekennen wir Farbe“ bedeutete für Joachim Meyer zugleich Handlungsmaxime.

„Es ist mein erster Ruhestand, ich übe noch“
Joachim Meyer stammt gebürtig aus dem Westerwald und kam in seiner Jugend zur Kirche. Er hat in Bethel, Heidelberg und München Theologie studiert. Nach seinem Vikariat in Osthofen bei Worms wurde er 1987 in Reichelsheim zum Gemeindepfarrer ordiniert. Von 1998 an war er mit jeweils halber Stelle Dekan und Pfarrer, von 2004 an war er mit einer dreiviertel Stelle Dekan und als Pfarrer in Brensbach und in Vertretungsdiensten. 2010 wurde er Vollzeitdekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald. Viermal wurde er von der Dekanatssynode wiedergewählt. Joachim Meyer ist verheiratet, hat drei Kinder sowie ein Enkelkind und lebt mit seiner Frau Andrea Dippon-Meyer in Reichelsheim.

Auf mehr selbstbestimmte Zeit freut er sich, vor allem mit seinem Enkel Junis. Auch wenn die Umstellung nach einem jahrzehntelang vollgepackten Terminkalender gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Auf die Frage, wie er dem Ruhestand entgegensieht, antwortet Joachim Meyer mit Humor: „Ich halte es da mit Loriot, der sagte einmal auf eine ähnliche Frage: ,Oh, es ist mein erster Ruhestand, ich übe noch.‘ Es ist mein erster Ruhestand – ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Aber ich habe den Eindruck: Es könnte tatsächlich ein schöner neuer Lebensabschnitt werden. Auch, weil meine Frau fast gleichzeitig in Rente geht.“


Dekan Joachim Meyer wird im Gottesdienst am Samstag, 2. Mai, 18 Uhr, in der Michaelskirche in Reichelsheim in den Ruhestand verabschiedet.