ABSCHIED prangt in großen Lettern im Schaukasten an der Georgskirche, dazu die Einladung zum Abschiedsgottesdienst an Pfingsten und viele Zitate, die mit Abschied zu tun haben. Der Gemeindebrief „Kirche am Ort“ ist als Sonder-Abschiedsausgabe erschienen – mit vielen Erinnerungen. Die Regale im Pfarrbüro sind übersichtlich geworden. Im Gemeindebüro, das leer steht, seitdem die gemeinsame Verwaltung der Evangelischen Kirchengemeinde Lichtenberger Land, zu der Georgenhausen-Zeilhard gehört, im Martin-Luther-Haus in Reinheim ist, stapeln sich die Umzugskisten zu kleinen Türmen.
An Weihnachten 1999 haben Claudia und Joachim Kühnle als erstes Pfarrerehepaar in Georgenhausen-Zeilhard angefangen. Mit zwei kleinen Kindern, sieben und fünf Jahre alt. Zum 31. Juli gehen sie offiziell in den Ruhestand, vorzeitig, mit 63 Jahren. Da noch viel Resturlaub und ein Umzug ansteht, ist die Verabschiedung schon jetzt – ein Tag nach dem Gründungsgottesdienst der neuen Kirchengemeinde Lichtenberger Land.
Rückblick mit Wehmut
„Man muss schon viel Abschied nehmen“, sagen die beiden, und es schwingt Wehmut mit. 26 ½ Jahre sind eine lange Zeit, man ist zusammengewachsen im Ort, kennt die Menschen, ist in die Gemeinschaft eingebunden. „Es gibt sehr viele sehr liebe Menschen, die man in so vielen Bereichen begleitet hat – Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Beerdigungen“, sagt Claudia Kühnle. 26 ½ Jahre, das sind rund 200 Gemeindebrief-Ausgaben, etwa 1350 Sonntage und ebenso viele Predigten, 335 Taufen, 91 Trauungen, 651 Bestattungen, 517 Konfirmationen. „Wenn man so lange da ist, gibt es auch Beerdigungen, bei denen man lieber bei der Trauergemeinde gesessen hätte als die Beerdigung zu halten“, sagt Joachim Kühnle.
Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Veranstaltung der EKHN in den 1980er Jahren, bei der junge Leute für das Theologiestudium interessiert werden sollten. Claudia Kühnle stammt gebürtig aus Detmold, und lebte in Hamburg, bevor die Familie nach Darmstadt zog. Joachim Kühnle kommt aus Seligenstadt. Die beiden haben in Frankfurt und Marburg Theologie studiert, Joachim Kühnle auch noch in Heidelberg. Ihr Vikariat, also die praktische Ausbildung für den Pfarrdienst, machten sie im Vogelsberg. Danach waren sie neun Jahre lang erst in Freiensteinau und Nieder-Moos, dann in Wenings und Merkenfritz.
„Der Glaube ist das Lebendigste in meinem Leben. Nichts ist Entwicklungen und Wandlungen so unterworfen und derart in Bewegung wie er. Er wird manchmal massiv erschüttert und steht immer wieder auf wie ein Phönix aus der Asche, aber nur, wenn ich ihn nicht festkralle, sondern auch mal loslasse und mich darauf einlasse, was passiert. An meinem Glauben lässt sich rütteln, er ist eine Melodie, in der ich mich wiegen kann und ich fühle mich geliebt, so wie ich bin. Jesu Vorbild zeigt mir mein Gegenüber als meinen nächsten Mitmenschen und fordert mich oft sehr heraus und gibt mir den Anstoß, auch an meiner Haltung zu arbeiten. Glaube ist für mich, mit Gott im Gespräch zu bleiben und den Mut zu haben, manchmal mit beiden Füßen fest in der Luft zu stehen und dabei zu spüren, dass ich trotzdem getragen bin, wenn der Boden wackelig wird.“ Claudia Kühnle
Kartoffelanbau mit den Konfis
In Georgenhausen-Zeilhard haben sie sich die Pfarrstelle geteilt, Joachim Kühnle war mit der anderen halben Stelle erst Schulpfarrer an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Ober-Ramstadt und dann Springerpfarrer in der Propstei Starkenburg, wo er in Gemeinden ohne Pfarrperson aushalf. Fünf Vikarinnen und Vikare haben sie in Georgenhausen-Zeilhard ausgebildet, zuletzt Opernsänger Mark Adler, sowie Prädikantinnen und Prädikanten begleitet. Claudia Kühnles Herz schlug für die Frauenarbeit und für kreative Gottesdienste. Viele Jahre lang hat sie beim Mittagsmahl mitgekocht, das es einmal im Monat im Gemeindehaus gab. Joachim Kühnles Schwerpunkt war die Konfi-Arbeit. Einmal hat er in Kooperation mit einem Landwirt mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden rote, lila und gelbe Kartoffeln gepflanzt, die dann an Erntedank verschenkt wurden. In den Vorstellungsgottesdiensten wurden oft bestimmte Themen gesetzt. Beim barmherzigen Samariter etwa hat Bürgermeister Manuel Feick einen Feuerwehrmann gespielt, und ein Gemurmel ging durch die Bänke, als die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher ihn – in Montur – erkannten. Ob nach dem Gottesdienst oder beim Café am Ort: „Uns war immer wichtig, dass die Menschen zusammenkommen und bleiben und schwätzen.“
Nach der Verabschiedung ziehen Kühnles nach Oldenburg in die Nähe ihres Sohnes. Claudia Kühnle freut sich aufs Fahrrad fahren über das flache Land und will vielleicht ehrenamtlich im Tierheim mitarbeiten. Joachim Kühnle lernt seit vielen Jahren Türkisch – für ihn vorstellbar wäre, eine Zeitlang eine deutsche Gemeinde zu betreuen. Das wird sich alles zeigen, erst einmal heißt es: ankommen.
Das Pfarrerehepaar Claudia und Joachim Kühnle wird im Gottesdienst am Pfingstmontag, 25. Mai, 14 Uhr, in der Georgskirche in Reinheim-Georgenhausen verabschiedet.