„Es könnte tatsächlich ein schöner neuer Lebensabschnitt werden“

veröffentlicht 18.02.2026 von Silke Rummel, Dekanat Vorderer Odenwald

Joachim Meyer ist seit 1998 Dekan. Nach 41 Dienstjahren geht er im Mai in den Ruhestand. Ein Abschiedsgespräch.

Wie siehst Du Deinem Ruhestand entgegen?
Ich halte es da mit Loriot, der sagte einmal auf eine ähnliche Frage: „Oh, es ist mein erster Ruhestand, ich übe noch.“ Es ist mein erster Ruhestand – ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Zurzeit führe ich viele Erkundungsgespräche mit Ruheständler*innen und habe den Eindruck: Es könnte tatsächlich ein schöner neuer Lebensabschnitt werden. Auch, weil meine Frau fast gleichzeitig in Rente geht.

Es gibt Menschen, die haben lange vor dem Ruhestand kein anderes Thema mehr. Du bist da völlig anders: Diszipliniert und präsent bis zum Schluss.
Für mich ist es vergleichbar mit einem Marathonlauf – ich laufe und wandere gerne! Ich bin 41 Jahre im Beruf, der Marathonlauf hat 42 Kilometer. Es war eine spannende Strecke von 1985 an mit manchen Überraschungen. Das Allerallermeiste hat mir sehr viel Spaß gemacht und das Besondere und Tolle war: Ich war nie alleine unterwegs, sondern immer mit solidarischen, unterstützenden Weggefährtinnen und Weggefährten – und das war die Hauptsache für mich. Die „Verpflegungsstationen“ auf der Strecke waren schön, sprich: Fortbildungen und Urlaubszeiten. Aber jetzt bin ich auf der Zielgeraden. Das Ziel ist in Sicht. Ein Lauf ist erst dann vorbei, wenn man die Ziellinie überschritten hat. Und dann ist er auch vorbei und ich mache erstmal Pause.

Die Kirche steckt mitten Veränderungsprozess, in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau heißt er „ekhn2030“. Gemeinden schließen sich zu Großgemeinden zusammen, kirchliche Gebäude werden verkauft, es gibt nicht mehr die Pfarrpersonen vor Ort, sondern Verkündigungsteams im Nachbarschaftsraum. Wie blickst Du auf diese Entwicklungen?
„ekhn2030“ ist die Reaktion unserer Landeskirche auf die gesellschaftlichen Entwicklungen und eröffnet einen Zielkorridor, wie Kirche im Jahr 2030 aussehen soll. Uns alle, Kommunen, die Schulen, das Gesundheitswesen und viel Firmen beschäftigt der gesellschaftliche Wandel. Die Kirche eben auch. Durch Austritt und Tod werden wir kleiner, wir haben zu viele Gebäude und es gibt weniger Menschen, die in kirchliche Berufe gehen. Da hat sich unser Kirchenparlament gesagt: Wir wollen so lange wie möglich in der Fläche präsent bleiben. Das geht aber nur, wenn wir – ich sage es mal etwas lapidar – abspecken. Wir müssen bestimmte Dinge weggeben, damit wir die erhalten, die uns wirklich wichtig sind und dort sind, wo die Menschen uns brauchen. Wir wollen mit, bei und für die Menschen da sein.

Welche Rolle hattest und hast Du als Dekan in diesem Prozess?
Ich sehe meine Rolle darin, Dinge zu erklären und Menschen zu unterstützen, die diesen schwierigen Prozess umsetzen müssen. Großen Respekt für und Dank an all die Ehrenamtlichen, Mitarbeiter*innen und Pfarrpersonen! – Sie haben sich das ja nicht ausgesucht. Ich möchte ihnen gerne auch Hoffnung machen, dass Kirche in anderer Form auch gut und wertvoll sein kann und dass es Freude machen kann, gemeinsam unterwegs zu sein.

An welche Situationen denkst Du in Deiner langen Dienstzeit besonders gerne zurück?
Als ich zum Dekan gewählt wurde, hat ein guter Freund mir einen Satz geschrieben, mit dem ich damals nicht viel anfangen konnte. Aber er ist im Rückblick ein sehr wichtiger Satz für mich geworden. Der Satz heißt: „Verlasse die ausgetretenen Pfade.“ Als Bergwanderer liebe ich vorgegebene Pfade. Sie geben mir Sicherheit. Aber rückblickend wurde jener Satz zu einer Art Motto für mein Wirken. Neugier und Gottvertrauen waren meine Motive. Und so war es tatsächlich, dass in diesen Berufsjahren als Pfarrer, aber dann auch als Dekan manche Pfade ausgetreten waren und die alten Bilder von Kirche aus der Vergangenheit oftmals nicht mehr passten. Mir hat es viel Spaß gemacht, neue Bilder zu entwickeln mit Menschen, die das auch wollten. Vor allem auch in schwierigen Zeiten. Drei Beispiele: Abendmahl feiern vor dem Bildschirm wäre vor der Pandemie undenkbar gewesen, in der Pandemie wurde das selbstverständlich. Oder der „Segen to go“ auf dem Bauernmarkt in Groß-Umstadt. Den Segen außerhalb der Kirche, der öffentlich von einer Nicht-Pfarrperson gespendet wird, wäre vor zehn, zwölf Jahren mindestens ungewöhnlich gewesen. Dabei sind die Menschen so dankbar! Und schließlich als Dekanat einen Engagement-Preis auszuloben und an engagierte Menschen und Gruppen in der Region zu vergeben, für sie ein Fest zu gestalten und sie damit zu würdigen und zu vernetzen war ein echtes Highlight. Es hat mir immer Freude gemacht, mit Interessierten neue Wege zu suchen.

Und an welche Momente denkst Du nicht gerne zurück?
Eigenbrödlerische Initiativen in Kirchengemeinde und Dekanat fallen mir ein, wo Menschen und Gruppen in erster Linie das eigene Wohl und Fortkommen im Blick hatten und dadurch manchen – unnötigen – Konflikt erzeugt haben. Aber vielleicht waren solche Konflikte – um der Klärung willen – auch nötig. Doch sie kosten so viel Energie. Und persönlich: Wenn man so lange unterwegs ist, verliert man manche Weggefährtin, manchen Weggefährten, mit der/dem man noch gerne eine Weile weiter gewirkt hätte…

Was wünschst Du Deinem Nachfolger? 
Als ich im Sommer 1987 als junger Pfarrer nach Reichelsheim kam, stand in unserem Garten ein Mirabellenbaum, von dem ich ernten durfte, obwohl ich den Baum nicht gepflanzt hatte. Im übertragenen Sinne: Freude am Ernten im reichen Garten des Dekanates. Und die Erfahrung, die Hilde Domin einmal beschrieben hat in einem kleinen Gedicht: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug“. Das schöne Gefühl und die kostbare Erfahrung: Ich bin vertrauensvoll wirksam und empfange selbst so viel Unterstützung. Das ist für mich Segen. Und dann sind da die großartigen Mitarbeiter*innen und Netzwerkpartner*innen als Weggefährt*innen. Auch das ist Segen.

Der Talar, man könnte auch sagen „Pfarrermantel“, macht Dich als Pfarrer kenntlich. Was passiert mit dem, wenn Du über die Ziellinie gelaufen bist?
Ich habe tatsächlich noch meinen allerersten Pfarrermantel. Der passt mir noch gut und hängt zu Hause im Schrank. Ich vermute, dass ich ihn auch im Ruhestand das eine oder andere Mal aus dem Schrank hervorholen werde.

Worauf freust Du Dich am meisten?
Auf mehr selbst bestimmte Zeit, vor allem auch mit meinem Enkel Junis.

Zur Person
Joachim Meyer (66) ist der zurzeit dienstälteste Dekan der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) – seit 1998, seinerzeit war er mit halber Stelle Dekan des Evangelischen Dekanats Reinheim, mit der anderen halben Stelle Pfarrer in Reichelsheim. Seit 2010 ist er Vollzeit-Dekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald. Viermal wurde er von der Dekanatssynode wiedergewählt. Nach 41 Dienstjahren als Gemeindepfarrer und Dekan wird er im Gottesdienst am Samstag, 2. Mai, 18 Uhr, in der Michaelskirche in Reichelsheim in den Ruhestand verabschiedet.
Joachim Meyer stammt gebürtig aus dem Westerwald. Er hat in Bethel, Heidelberg und München Theologie studiert. Er ist verheiratet, hat drei Kinder sowie ein Enkelkind und lebt mit seiner Frau in Reichelsheim. Nach seinem Vikariat in Osthofen bei Worms wurde er 1987 in Reichelsheim zum Gemeindepfarrer ordiniert.