Die blaue Altpapiertonne im Büro der Dekanatsjugendstelle wurde schon fast zum neuen Kollegen. Wochenlang stand sie dort und füllte sich, während die Schränke leerer wurden und deren Inhalte immer wieder neue Erinnerungen hervorholten wie zum Beispiel die CD-ROM von 2003, auf der rund 600 Bilder von der Korsika-Freizeit abgespeichert sind, „die größte Einzelfreizeit mit mehr als 70 Teilnehmenden“, sagt Rainer Volkmar. Ende März verabschiedet sich der Dekanatsjugendreferent nach 27 Jahren in den Ruhestand.
Angefangen hat Rainer Volkmar am 1. Mai 1999 als Jugendreferent im damaligen Dekanat Groß-Umstadt in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Wamboltschen Schloss unweit des Gemeindehauses. Die Schwerpunkte lagen auf Mitarbeitendenfortbildung, Freizeitenarbeit und dem Schülercafé MOB im Gemeindehaus, aber hier entstand auch Radio Wein-Welle. Die Rahmenbedingungen passten, die Freiheit war groß, auch später im fusionierten Dekanat Vorderer Odenwald: „Ich habe ein Dekanat erlebt, das sich durch eine besondere Kultur des Miteinanders, der gegenseitigen Bestärkung und des Vertrauens untereinander auszeichnet.“ Und: „Es war immer ein Wir“ – keine Veranstaltung oder Freizeit funktioniert ohne die Ehrenamtlichen.
Viele der damaligen Jugendlichen haben inzwischen eigene Familien, etliche Kontakte bestehen seit Jahrzehnten. Wenn Rainer Volkmar in der Stadt unterwegs ist, trifft er garantiert jemanden, den er kennt oder dessen Tochter, Sohn, Bruder, Schwester, Schwager, Nachbarin bei ihm in der evangelischen Jugendarbeit war. Wichtig war ihm dabei immer, die Jugendlichen und jungen Leute in ihren Lebensperspektiven wahr und ernst zu nehmen und ihnen das Evangelium nahe zu bringen. „Glaube ist für mich ganz stark gebunden an Vertrauen, an Unverfügbarkeit, an eine Haltung, in der der Glaube auch zum Ausdruck gebracht wird und in die Gesellschaft hineinwirkt“, sagt der 63-Jährige.
Der gebürtige Hannoveraner, in einem Vorort aufgewachsen, stieg als 16-Jähriger in die christliche Pfadfinderarbeit ein, wo er auch seine spätere Frau Bettina kennenlernte. Nach dem Abitur war er bei der Bundeswehr und begann ein Geografie-Studium. Doch die Arbeit mit Menschen lag ihm mehr – er wechselte zur Religionspädagogik, um Gemeindepädagoge zu werden. Ende der 1980er Jahre zog das Paar nach Wiesbaden. Rainer Volkmar trat 1990 seine erste Stelle als Gemeindepädagoge in Wiesbaden an, mit halber Stelle in einer Kirchengemeinde, mit der anderen Hälfte in einem Aus- und Übersiedlerwohnheim. Berufsbegleitend machte er eine Weiterbildung zum Kommunikationswirt beim Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP).
Kirche anders denken
Sieben Jahre später zog es Rainer Volkmar ins Stadtjugendpfarramt nach Frankfurt, wo er zwei Jahre lang die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Jugend verantwortete, bei der Umsetzung der Jugendkirche St. Peter mitwirkte und ein riesiges Rave plante. „Hier habe ich miterlebt, dass man Kirche anders denken kann.“ Erfahrungen, die ihm später zugutekommen sollten. Die Öffentlichkeitsarbeit war nichts für ihn, er wechselte nach Groß-Umstadt. 2006 ging Radio Wein-Welle an den Start, 2015 Rock the Church. Ob Kleidertausch oder Herzensbegegnung: Immer wieder war die Groß-Umstädter Stadtkirche Ort für ungewöhnliche Aktionen. Von 2016 an fuchste sich Rainer Volkmar in der Mitarbeitendenvertretung außerdem in arbeitsrechtliche Belange hinein und wurde stellvertretender Vorsitzender.
„Es war eine ausgefüllte, erfüllte und häufig beglückende Zeit, die ich beruflich erleben durfte“, sagt der 63-Jährige. Er sei dankbar für ganz viel Führung und Fügung, dafür, dass bei den vielen Freizeiten und Aktionen mit vielen hundert Jugendlichen nie ein Unfall passiert sei. Teamplayer, Netzwerker, Kümmerer, Busfahrer, fleißiger WhatsApper, neue Erlebnisse-Sammler, Fahrradfahrer, Streiter für seine evangelische Kirche – so kennen ihn seine Kolleginnen und Kollegen. Die Motivation des Anfangs ist geblieben. Bis zum Schluss und häufig zu Lasten der Familie.
Künftig hat er mehr verfügbare Zeit. Die Französischkenntnisse erweitern, mehr Zeit mit Familie und Freunden, ein Ehrenamt, schöne Ausflüge und Reisen, vielleicht auch mit dem E-Bike hat er sich vorgenommen. Der vertraute Anblick seines Fahrrads im Torbogen des Dekanatszentrums wird fehlen, stand es verlässlich dort, auch bei Schnee und Regen. Rainer Volkmar behauptet gerne scherzhaft, auf dem Fahrrad geboren zu sein. „Ein großartiges Fortbewegungsmittel“, sagt er. Vielleicht ist er damit demnächst auf Tour nach Hannover.