An den eigentlichen Tag ihrer Konfirmation am 30. März 1941 hat Brunhilde Rauchfuß so gut wie keine Erinnerung. Sie trägt ein schwarzes Kleid, von der Mutter genäht und am Hals mit Spitze verziert. Davon zeugt ein Foto, das sie mit ihren Eltern und ihre beiden Schwestern zeigt. Mädchen und Jungs werden getrennt konfirmiert, das weiß sie noch. Auch, dass sie vor der Konfirmation alle Familien im Ort besuchen mussten. „Das war Sitte“, erzählt sie. Und es gibt eine Prüfung, abgehalten vom Pfarrer.
Einsegnung durch den Dekan
Vor Kurzem feierte Brunhilde Rauchfuß ihr 85. Konfirmationsjubiläum, die Engelkonfirmation, die sehr selten ist, zusammen mit denen, die Diamantene Konfirmation (60 Jahre) hatten. Auf Einladung von Pfarrerin Michaela Meingast hielt Dekan Michael Gütgemann die Festpredigt über einen Gott, der das Leben in seiner Vielfalt schenkt und dazu aufruft, trotz aller Sorgen und Unterschiede einander als Menschen zu sehen. „Meine ganze Familie war mit.“ Zur Erinnerung erhielt sie eine Urkunde mit dem Segensspruch: „Seht welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen und wir sind es auch.“ (Johannes 3,1) Nach dem Gottesdienst waren sie im Bürgerhaus Klein-Umstadt essen. „Es war ein schöner Tag“, sagt die Jubilarin, „vor allem die Einsegnung durch den Dekan hat mich sehr berührt.“
Brunhilde Rauchfuß kommt gebürtig aus Langeneichstädt, einem Dorf im Saalekreis in Sachsen-Anhalt. Das Ergebnis der Landtagswahl, bei der die AfD – vom Landesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft – am 6. September mit einem Stimmenanteil von 43,8 Prozent gewonnen hat, schockiert die 99-Jährige. „Ich verstehe das nicht“, sagt sie mit hellwachem Blick aus den klaren blauen Augen.
Flucht aus der DDR nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953
Brunhilde Rauchfuß musste mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn aus der DDR fliehen. Ihr Mann war beim Aufstand vom 17. Juni 1953 dabei. Aus einem Arbeiterprotest in Ost-Berlin entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit ein politischer Volksaufstand in über 700 Städten und Gemeinden der DDR. Mehr als eine Million Menschen demonstrieren für demokratische Rechte und Freiheit. Das sowjetische Militär setzt Panzer und die Volkspolizei ein und schlägt den Aufstand blutig nieder. Es gibt mehr als 50 Tote und 10.000 Festnahmen. Sogar Todesurteile werden verhängt.
„Wir mussten fort“, sagt Brunhilde Rauchfuß. Im September 1953 machen ihr Mann und sie sich nachts mit den Fahrrädern auf den Weg nach Berlin. 240 Kilometer am Stück. Die Schwiegermutter bringt den vierjährigen Sohn Armin mit dem Zug nach Wittenberg, von da an sitzt er im Korb am Lenker. Am frühen Abend kommen sie in Berlin an. Die Angst beim Übergang über die Grenze zur Bundesrepublik sei unbeschreiblich gewesen, sagt Brunhilde Rauchfuß, sie hätten so tun müssen, als ob nichts wäre. Es klappt. „Hundert Meter nach dem Grenzübergang haben wir erst einmal im Straßengraben gesessen und geweint.“ Zwei Monate ist die Familie im Lager – erst in Berlin, dann in Hanau. Dort habe Frau Steingräber Hilfe für die Landwirtschaft in Raibach gesucht und ihr Mann habe zugesagt. „So sind wir in Raibach gelandet“, sagt Brunhilde Rauchfuß.
Führerschein und „Hausfrauenschicht“
Auf Steingräbers Heuboden bewohnen sie zunächst zwei Zimmer, die Stadt teilt ihnen einen Tisch, drei Stühle, drei Holzbetten, drei Strohsäcke, drei Decken und drei Kopfkissen zu. „Wir waren froh, dass wir aus dem Lager heraus und wieder unter uns waren“, erzählt Brunhilde Rauchfuß. Ihr Mann arbeitet in der Landwirtschaft, sie hilft dort im Haushalt. Nach einem Jahr erhält ihr Mann eine Anstellung bei der BBC, die später in Resopal umbenannt wird. Sie ziehen in eine Wohnung, beginnen mit dem Hausbau in Raibach, machen alles in Eigenhilfe. 1961 beziehen sie das Haus, 1962 wird Sohn Roman geboren. Neun Jahre lang kümmert Brunhilde Rauchfuß sich um Haushalt und Kinder, teilt sich mit der Nachbarin, die auch den Führerschein machen will, die Kinderbetreuung, macht den Führerschein und besteht auf Anhieb, die Nachbarin auch. 13 Jahre lang arbeitet Brunhilde Rauchfuß in der „Hausfrauenschicht“ von 18 bis 23.30 Uhr bei der VDO in Babenhausen. „Ich wollte gerne eine Zentralheizung im Haus haben, ein Verdienst hat nicht gereicht“, sagt sie. Heute ist sie froh um die Rente.
2002 stirbt ihr Mann mit 82 Jahren, seither lebt sie allein in dem Häuschen in Raibach. Immer noch, mit 99 Jahren. Sie hat eine Putzhilfe und einen Gärtner, zweimal in der Woche bringt die Schwiegertochter Essen. Ansonsten kocht sie sich, backt Kuchen, am Sonntag mit dem Enkel Schnitzel, gerade hat sie Pflaumen eingekocht. Früher sei sie mit der Leiter ganz oben im Pflaumenbaum gewesen – „da habe ich bis Umstadt gucken können“. Sie liest viel, jeden Morgen die Zeitung, rätselt gerne, schaut Nachrichten oder den Fernsehgottesdienst. Früher sei sie fast jeden Sonntag in den Gottesdienst in die Kirche gegangen, aber das gehe jetzt nicht mehr. „Ich muss auf vieles verzichten, aber das tut mir nicht weh“, sagt Brunhilde Rauchfuß. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben.“
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