„Der Glaube ist mein Lebenselixier“

veröffentlicht 15.07.2026 von Silke Rummel, Dekanat Vorderer Odenwald

Am 1. Juni hat Kerstin Gütgemann als neue Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Lichtenberger Land angefangen. Sie hat ein Faible für diakonisches Handeln.

Kaum da, ging es auch schon richtig los, sodass es gar nicht so einfach ist, mit der neuen Pfarrerin einen Termin zu bekommen. Es sind viele Beerdigungen dieser Tage und das Pfarrteam ist aufgrund von Elternzeiten und Urlaub etwas reduziert. Dass sie erst seit wenigen Wochen im Dienst ist, merkt man Kerstin Gütgemann nicht an. „Mir wurde der Einstieg leicht gemacht“, sagt sie. Sie sei von den Kolleginnen und Kollegen und der Gemeinde sehr freundlich und mit viel Hilfsbereitschaft aufgenommen worden.

Vieles ist im Umbruch, das kirchliche Leben in der Region strukturiert sich neu. Zum Jahresbeginn hat sich die Evangelischen Kirchengemeinde Lichtenberger Land aus den sieben Gemeinden Neunkirchen, Niedernhausen, Groß-Bieberau, Ueberau, Spachbrücken, Reinheim und Georgenhausen-Zeilhard zusammengeschlossen. Derzeit wird an einem neuen Konzept für die Konfirmandenarbeit gearbeitet, die Beerdigungen werden gleichmäßig auf die Pfarrpersonen verteilt. Ein neuer Gemeindebrief ist in Arbeit, ebenso eine gemeinsame Liturgie. „Ich finde, sie sind hier sehr mutig diesen Fusionsschritt gegangen und haben schon vieles auf den Weg gebracht“, sagt Kerstin Gütgemann.

Sie stammt gebürtig aus Hildesheim und kam dort im Teenageralter über das Chorsingen in die Gemeinde. Der Pfarrer prophezeite ihr früh: „Kerstin, Du studierst mal Theologie.“ Sie engagierte sich in der Jugendarbeit, bei Kinderbibelwochen und Kindergottesdiensten. „Im Grunde war die Gemeinde mein Zuhause, in dem ich auch gefördert wurde.“ Nach dem Abitur an einem Gymnasium mit dem schönen Namen Himmelsthür studierte sie in Göttingen und München evangelische Theologie und machte ihr Examen in der Hannoverschen Landeskirche. „Mein Glaube ist mein Lebenselixier. Er hat mich selbst durch Krisenzeiten gut gebracht“, sagt Kerstin Gütgemann.

Immobilienvertriebsassistentin, Altenheimseelsorgerin, Oberin
Nach dem ersten Examen gab es viele Pfarrerinnen und Pfarrer und wenige Stellen. So klebte Kerstin Gütgemann erst im Akkord Musterhefte in Göttingen, arbeitete dann in Kassel bei der Stadtsparkasse als Vertriebsassistentin für Immobilien, machte schließlich von 1994 bis 1996 ihr Vikariat und teilte sich anschließend in der Nähe von Kassel eine Pfarrstelle mit ihrem ersten Mann. Nach der Geburt von Sohn und Tochter und einem Wechsel in die Matthäuskirchengemeinde in Kassel war Kerstin Gütgemann von 2005 bis 2010 Altenheimseelsorgerin in der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen in Hofgeismar, kehrte nochmal kurz an die Matthäuskirchengemeinde zurück und wurde 2011 zur letzten Oberin des Kurhessischen Diakonissenhauses in Kassel berufen. 2015 übernahm sie einen Vertretungsdienst und war an der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete tätig. Später führte ihr Berufsweg über die Kasseler Südstadt mit ihrem zweiten Mann in den Knüll. Das Ehepaar suchte nach zwei vollen Stellen und stieß im Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) auf die Ausschreibung in Wartenberg: „Wir haben Platz für zwei.“

Kerstin Gütgemann bezeichnet sich selbst als „umtriebigen Menschen“. 15-mal sei sie bisher umgezogen, zuletzt von Wartenberg im Vogelsberg nach Ueberau. Ihr Mann Michael Gütgemann wurde im Februar zum neuen Dekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald gewählt und hat ebenfalls am 1. Juni seinen Dienst begonnen. „Ich habe Lust, zu gestalten und Menschen miteinander in Verbindung zu bringen“, sagt Kerstin Gütgemann.

Sie hat viel mit Senioren, vor allem auch mit demenziell Erkrankten, und Kindern gearbeitet. Für die diakonische Arbeit, also die Arbeit am Nächsten, und das gemeinwesenorientierte Arbeiten schlage ihr Herz – „dass Menschen gut zusammenleben können“, sagt die 60-Jährige. Sie ist ausgebildet in Validation, die einen wertschätzenden und empathischen Umgang mit demenziell Erkrankten vorsieht, hat die Gottesdienstform „Andacht für die Sinne“ entwickelt und bei der Gestaltung eines Andachtsraums für Menschen mit Demenz mitgearbeitet. „Den Anderen wertschätzen, auch wenn die Fähigkeiten nachlassen, ist zutiefst christliches Handeln“, findet die Pfarrerin. In Reinheim wird sie auch die Gottesdienste in der Pflegeeinrichtung Gersprenz übernehmen. Die Kirche sieht sie als Ort, der Menschen befähige, „ihre Straße fröhlich zu ziehen“. Damit bezieht sie sich auf die Taufgeschichte des Kämmerers aus Äthiopien, einer Bibelgeschichte aus Apostelgeschichte 8.

Privat unternimmt sie gerne Spaziergänge mit dem spanischen Wasserhund Nesto, mag Yoga und Meditation. Sie liest gerne, vor allem Romane über Frauen aus den 1920er Jahren, die in Männerdomänen ihren Weg gegangen sind, ist kreativ und liebt die Natur.

Kerstin Gütgemann wird am Sonntag, 19. September, 18 Uhr, im Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche in Reinheim, Kirchstraße 27, als Pfarrerin eingeführt.