Betonmonstrum und neue Glocken

veröffentlicht 28.04.2026 von Silke Rummel, Dekanat Vorderer Odenwald

Vier Kirchen des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald einmal anders erleben, sich vom Engagement vor Ort mitreißen lassen und neue Eindrücke sammeln – das ist der Ansatz der Erlebnistour „Aufgetan!“. Diese gab es mittlerweile zum vierten Mal; wieder ausgebucht mit Warteliste.

Es ist dunkel, als die Gruppe sich zu Fuß vom Busparkplatz zur im alten Ort erhöht gelegenen Michaelskirche in Reichelsheim aufmacht. Die Straßen sind zu eng, als dass der Bus hinauffahren könnte. Plötzlich sind Trompetenklänge zu hören. Dekanatskantor Matthias Ernst hat sich diese Überraschung ausgedacht. Gänsehautmoment. Sein Spiel vom Kirchturm begleitet die Gruppe bis zur Ankunft an der Kirche, wo Pfarrerin Charlotte Voß und Matthias Ernst die Besucherinnen und Besucher begrüßen – auf dem Lindenplatz, vor dem beleuchteten Schloss Reichenberg, das vor dem Bau des Schlosses in Erbach Sitz der Grafenfamilie war.

Die Michaelskirche ist die einzige Kirche im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald, die zwei Emporen hat. Um 1700 war sie zu klein geworden. Und weil der Platz begrenzt ist, wurde sie kurzerhand in die Höhe gebaut. Die Teilnehmenden erfuhren einiges über die Historie der Kirche, etwa, dass der älteste Teil, der Torbogen draußen, romanisch ist und der Chorraum gotisch, und konnte die stimmungsvoll beleuchtete Kirche auch selbst erkunden, während der Dekanatskantor an der Link-Orgel von 1961 meditative Musik spielte. Besonders beliebt: der Grafenstuhl, jener Logenplatz der gräflichen Familie, der von außen über eine separate Treppe erreichbar ist. Reichelsheim war an diesem Abend die letzte Station. Nach einem Segen trat die Gruppe die Heimfahrt nach Groß-Umstadt an.

Betonbau aus den 1960ern
Zuvor hatten die 48 Teilnehmenden der mittlerweile vierten Erlebnistour „Aufgetan“ die evangelische Stadtkirche Groß-Umstadt, die Kirche in Groß-Zimmern und den modernen Kirchbau in Beerfurth besucht. Letztere nur von außen, da in der Kirche der Strom ausgefallen war. Pfarrer Sebastian Hesselmann hatte einen Schuhkarton und Bilder mitgebracht, um einen Eindruck zu vermitteln, wie die Kirche aussieht. „Man hätte diese Kirche niemals bauen dürfen“, sagte der Pfarrer. 46 steile Stufen führen hinauf zu dem Betonbau. Barrierefreiheit – Fehlanzeige. Für den Pfarrer unvorstellbar, schließlich habe es 1964, als die Kirche nach Plänen des Architekten Architekt Otfried Rau, auf den auch die Schneckenkapelle in Billings zurückgeht, gebaut wurde, doch noch Kriegsversehrte gegeben. Kirche, Gemeindehaus und Pfarrhaus in Beerfurth sollen im Zuge des Reformprozesses ekhn2030 verkauft und stattdessen ein kleiner, barrierefreier Neubau auf der Wiese davor errichtet werden.

Vor Beerfurth machte der Bus an der evangelischen Kirche in Groß-Zimmern Station. Hier begrüßte Pfarrer Michael Fornoff die Gruppe mit Glockengeläut und tat eine Nebentür auf, durch die sonst Hochzeitspaare einziehen. Für die Kirche war das vergangene Jahr ein ganz besonderes: Die drei alten Stahlglocken wurden durch sechs neue Bronzeglocken ersetzt – künstlerisch verziert und gegossen bei der traditionsreichen Firma Rincker in Sinn. Der Pfarrer schilderte die Ereignisse und die Bemühungen. Ein Glockenförderverein hatte rund 200.000 Euro für die neuen Glocken gesammelt. Vorbei an den alten Glocken, die im Kirchgarten stehen, ging es ins Gemeindehaus. Hier bewirtete das Team der SichtBar, dem mobilen Jugendprojekt des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald unter Leitung von Dekanatsjugendreferentin Manuela Bodensohn, die Gäste mit einem leckerem Essen.

Unter der Stadtkirche eine römische Villa
Gestartet war die Gruppe nach einem Sektempfang vor dem Darmstädter Schloss in Groß-Umstadt. Zu Fuß ging es zur Stadtkirche Groß-Umstadt, aber nicht durch den Haupteingang, sondern über die Nordtreppe. Dr. Margarete Sauer schilderte die Kirche als die einzige im Landkreis Darmstadt-Dieburg, die eine so lange Historie hat und auf einer römischen Villa aus dem 2. Jahrhundert fußt. Bei Grabungen in den 1960er Jahren kamen außerdem Fundamente eines frühmittelalterlichen Vorgängerbaus zum Vorschein. Der heutige Bau wurde zwischen 1490 und 1494 errichtet und ist auch Ort moderner Veranstaltungen wie Kleidertausch oder „Rock the Church“, wie Pfarrer Christian Lechelt erläuterte. Mit dem neuen Kirchenmusiker Helge Metzner, der zur Begrüßung der Gäste die Bechstein-Orgel spielte, wurde in der offenen Kirche an einem Samstag im Monat eine „Musik zur Marktzeit“ eingeführt.

Für die Organisatorinnen der Tour, Annette Claar-Kreh, Silke Rummel und Barbara Waldkirch, gab es auch in diesem Jahr wieder viel Lob – „Einfach großartig! „Wir freuen uns schon auf die nächste Tour!“ Entstanden ist die Idee zu der Tour am Tag des offenen Denkmals 2022 bei Führungen durch das Dekanatszentrum, bei denen es immer auch um die Geschichten und Besonderheiten der Kirchen im Dekanat geht. Die Tour knüpft außerdem an das Dekanatsbuch „Aufgetan – Ein Streifzug durch die Kirchen des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald“ an.