Barockes Kleinod in Not

veröffentlicht 15.09.2026 von Silke Rummel, Dekanat Vorderer Odenwald

Die evangelische Dorfkirche in Hergershausen hat massive Schäden und muss saniert werden. Nach derzeitigen Schätzungen wird das knapp eine Million Euro kosten. Am Sonntag, 27. September, findet der vorerst letzte Gottesdienst statt. Davor gibt es noch ein Benefizkonzert.

„Wenn Sie die Hergershäuser Kirche besuchen, dann betreten Sie eine kleine romantische Kirche, die mit ihrer barocken Ausmalung für die hiesige Region einmalig ist.“ So beginnt das Vorwort des Kirchenführers der Evangelischen Gemeinde Hergershausen aus dem Jahr 2003. Das Kirchlein am Rande des Babenhäuser Stadtteils hat eine ganz eigene Ausstrahlung und eine ungewöhnliche Geschichte – mit ein Grund, warum sich die Gesamtkirchengemeinde Babenhausen und Schaafheim entschieden hat, die Sanierung anzupacken. „Wir halten zusammen und sind uns einig, dass saniert werden soll, aber es fehlen Gelder“, sagt Pfarrerin Andrea Rudersdorf, Vorsitzende des Gesamtkirchenvorstands.

„Herzensanliegen, die Kirche zu erhalten“
Kirchenarchitektin Nicole Braunwarth von der Bauabteilung der Landeskirche beziffert die veranschlagten Kosten auf rund 960.000 Euro. Drei Viertel trägt die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Viertel die Kirchengemeinde. Die hohe Summe setzt sich aus verschiedenen Positionen zusammen: Das Dach ist undicht, die Fassade bröckelt, die Fenster müssen restauriert werden, die Heizung aus den 1960er Jahren muss ausgetauscht werden, die Elektrik ebenfalls. Auch ein neues Beleuchtungskonzept ist geplant. Im Februar sollen die Arbeiten beginnen. Da die Heizungsanlage stillgelegt ist, wird der vorerst letzte Gottesdienst am Sonntag, 27. September, zum Erntedankfest sein.

„Es ist uns ein Herzensanliegen, die Kirche zu erhalten“, sagt Alexander Kolb, 22 Jahre alt, Mitglied des Kirchenvorstands und Organist in Hergershausen, aber auch an anderen Orten im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald. 2018 hat er mit dem Orgelspiel angefangen, als Konfirmand. „Ich habe in meiner Jugend hier jede Woche Stunden verbracht.“ Er ist die treibende Kraft bei der Gründung eines Fördervereins und hat bereits ein erstes Treffen mit Menschen, die sich für die Kirche engagieren möchten, anberaumt. Denn der Eigenanteil bedeutet eine große finanzielle Belastung für Hergershausen und Sickenhofen.

Für Kirchenarchitektin Nicole Braunwarth ist Hergershausen „eine sehr spannende Baustelle“ – aufgrund des Denkmalwerts der Kirche, ihrer Innenausstattung und Ausgestaltung und ihrer Wichtigkeit für den Ort und die Dorfgemeinschaft. „Das ist schon eine besondere Verbundenheit“, sagt Pfarrerin Rudersdorf.

Besondere Malereien und eine Steinmeyer-Orgel
Die Hergershäuser Kirche ist ein barockes Kleinod und wurde am 29. September 1712 eingeweiht. An die Wände und um die Fenster sind sogenannte Rocailles gemalt, Ornamentgebilde in Form von Blütenranken und Muschelmotiven, was sehr ungewöhnlich ist. Die Brüstungen wurden 1765 figürlich bemalt und zeigen die Apostel und Evangelisten. 1721 wurde die Orgel aus der Werkstatt von Johann Christian Dauphin eingeweiht. Das Gehäuse der Orgel, das sogenannte Prospekt, ist heute noch erhalten. Das Instrument selbst wurde 1840 grundlegend verändert und 1912 durch eine Steinmeyer-Orgel ersetzt, eine der bedeutendsten deutschen Orgelbaufirmen. Eine weitere Besonderheit der Kirche, da im Rhein-Main-Gebiet nur noch wenige Steinmeyer-Orgeln existieren.

Das Jahr 1912 markiert einen weiteren wichtigen Punkt in der Geschichte der Hergershäuser Kirche. Anlässlich ihres 200-jährigen Bestehens wurde die Kirche umfassend renoviert. Sie erhielt bemalte Glasfenster, die das Leben und Sterben Jesu abbilden. Sie sind allesamt Stiftungen von Hergershäuser Familien. Der neue Altar wurde von Hergershäuser Auswanderern gestiftet. Noch heute sind Nachfahren von Georg Herget, der in den USA eine neue Heimat fand, regelmäßig zu Besuch. Das Altarkreuz und die beiden Kerzenleuchter wurden ebenfalls im Jubiläumsjahr angeschafft, gefertigt von Ernst Riegel, dem bekannten Jugendstil-Goldschmied der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt.

Von 1990 bis 2010 lockten die modernen Gottesdienste in der Christnacht mit Pfarrer Wolfgang H. Weinrich, Talk-Gästen, Blues-Musik und einer farbenfroh beleuchteten Kirche die Besucherinnen und Besucher aus Nah und Fern nach Hergershausen.

Am Freitag, 25. September, 19 Uhr, gibt es mit dem Posaunenchor Groß-Zimmern unter Leitung von Ulrich Kuhn und Alexander Kolb an der Orgel in der Hergershäuser Kirche ein Benefizkonzert zugunsten der Kirchenrenovierung.


Weitere Baustellen im Dekanat Vorderer Odenwald
Die evangelische Kirche in Harreshausen hat neues Licht bekommen, die in Richen bekommt noch neues Licht. Die Dreifaltigkeitskirche in Reinheim erhält nach Auskunft von Nicole Braunwarth aktuell ein neues Dach. In Ueberau wird derzeit eine Rampe zwischen Kirche und Schule errichtet, um einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen. Die Kirche in Neunkirchen ist seit Frühjahr 2025 wegen erhöhter Schadstoffwerte gesperrt und hat einen großen Sanierungsbedarf. Hier hofft die Kirchenarchitektin, dass im kommenden Frühjahr das Dach gemacht werden kann.